Zwischen Geschichte, Innovation und politischem Austausch – meine Reise nach Lettland

Fünf Tage, unzählige Eindrücke und viele spannende Gespräche: Gemeinsam mit dem Wirtschafts- und Digitalisierungsausschuss sowie dem Europaausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtages ging es für mich nach Lettland. Als fachpolitischer Sprecher meiner Fraktion für Wirtschaft, Arbeit, Bundeswehr, Netzpolitik, Künstliche Intelligenz, Datenschutz und Digitalisierung war diese Reise für mich inhaltlich besonders spannend. Begleitet wurde ich aus der Grünen-Fraktion von Dirk Kock-Rohwer und Malte Krüger.

Organisiert wurde die Reise maßgeblich durch die deutsche Botschaft in Riga in Zusammenarbeit mit der Außenhandelskammer – und das Programm hatte es wirklich in sich .

Schon am ersten Tag wurde deutlich, wie stark Geschichte und Gegenwart in Lettland miteinander verwoben sind. Der Besuch des Okkupationsmuseums hat mich tief bewegt. Die wechselvolle Geschichte des Landes mit seinen Besatzungen ist eindrücklich aufgearbeitet – und macht sehr greifbar, warum sicherheitspolitische Fragen heute eine so zentrale Rolle spielen.

Beim anschließenden Austausch in der Saeima, dem lettischen Parlament, wurde es dann politisch konkret. Besonders interessant fand ich das große Interesse unserer lettischen Kolleginnen und Kollegen am Ausbau erneuerbarer Energien in Schleswig-Holstein. Während wir bei uns bereits viele Erfahrungen gesammelt haben, gibt es in Lettland noch Vorbehalte – gerade beim Thema Windkraft. Umso wichtiger war es mir, unsere Ansätze zu Bürger:innen-Energiegenossenschaften vorzustellen, die Akzeptanz vor Ort stärken können.

Ein weiteres Highlight war der Einblick in das Infrastrukturprojekt „Rail Baltica“. Dieses gewaltige Vorhaben soll die baltischen Staaten enger an das europäische Schienennetz anbinden – und hat neben wirtschaftlicher auch eine klare sicherheitspolitische Dimension. Gerade mit Blick auf die NATO-Ostflanke wird deutlich, wie eng Verkehrspolitik und Verteidigungsfähigkeit miteinander verknüpft sind.

Im Gespräch mit dem lettischen Energieministerium hat mich besonders beeindruckt, wie konsequent sich das Land nach dem russischen Angriffskrieg von seiner bisherigen Energieabhängigkeit gelöst hat. Auch die Aussage, dass Netzkapazitäten aktuell kein Engpass seien, hat mich aufhorchen lassen – ein Thema, das wir in Deutschland nur zu gut kennen.

Sehr nachdenklich hat mich der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Bikernieki gestimmt. Begleitet von der Exekutivdirektorin des Rats der Jüdischen Gemeinden wurde deutlich, welche Verantwortung wir auch heute noch tragen. Dieser Ort ist Mahnung und Erinnerung zugleich.

Spannend waren für mich auch die Einblicke in die Digitalisierung der Verwaltung – sowohl in Riga als auch in Jelgava. Besonders gefallen hat mir der konsequente Blick auf die Bürger:innen: Prozesse werden nicht einfach digitalisiert, sondern grundlegend neu gedacht. Gleichzeitig habe ich aber auch Unterschiede festgestellt, die ich kritisch sehe. Das Verständnis von „Smart City“ ist hier deutlich stärker durch Überwachung geprägt. Mehr als 900 Kameras allein in Riga sprechen eine klare Sprache. Dass dies von vielen Bürger:innen sogar gewünscht wird, hat mich überrascht – und zeigt, wie unterschiedlich Datenschutz und Freiheitsrechte bewertet werden können.

Ein ganz anderes, aber ebenso wichtiges Thema wurde beim NATO Strategic Communications Centre of Excellence deutlich: die Bedeutung von Kommunikation, Cybersicherheit und strategischer Resilienz – gerade in einer Region, die geopolitisch so stark im Fokus steht.

Beeindruckt hat mich auch der Innovationsgeist an den Universitäten. Ob Prototyping oder Drohnentechnologie – hier wird Zukunft greifbar. Es war inspirierend zu sehen, mit welcher Dynamik und Offenheit an neuen Lösungen gearbeitet wird.

Ein Besuch, der bei mir gemischte Gefühle hinterlassen hat, war der beim Unternehmen Laflora. Die Dimensionen des Torfabbaus sind enorm – ganze Landschaften verändern sich. Gleichzeitig wird der Rohstoff auch nach Deutschland exportiert, während wir hier versuchen, den Verbrauch zu reduzieren. Positiv hervorheben möchte ich jedoch die ambitionierten Pläne des Unternehmens im Bereich erneuerbarer Energien: Windkraft, Wasserstoffproduktion und die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren für Gewächshäuser zeigen, dass auch hier Transformation stattfindet.

Zum Abschluss stand noch ein Besuch beim Unternehmen Kärcher auf dem Programm – inklusive einer kleinen Probefahrt, die ich mir natürlich nicht entgehen lassen konnte. Kärcher fertig am Standort in Jelgeva Kehrmaschinen und Waschanlagen für Pkw und Lkw.

Und ja, auch die kulturelle Seite kam nicht zu kurz: Gemeinsam mit zwei Kollegen habe ich ein Erstligaspiel des Riga FC besucht. Ein echtes Highlight – und eine wunderbare Gelegenheit, das Land auch abseits der offiziellen Termine zu erleben.

Am Ende dieser intensiven Tage bin ich mit vielen neuen Eindrücken, spannenden Perspektiven und auch einigen nachdenklichen Fragen zurückgereist. Mein Dank gilt allen, die diese Reise möglich gemacht haben – und den vielen Menschen vor Ort, die uns so offen empfangen haben.

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